Interview mit Yvonne Winter | Der Blick ins FAB Klassenzimmer

Studienrätin | Heinrich Lanz Schule Mannheim

Yvonne Winter - Lanz Schule Mannheim Interview

Yvonne Winter unterrichtet die angehenden Fachangestellten für Bäderbetriebe an der Heinrich-Lanz-Schule in Mannheim.

Die gelernte Versicherungskauffrau absolvierte nach ihrer Ausbildung ein Studium zur Diplom-Handelslehrerin mit der Fächerkomination BWL und Sport.

Heute berichtet sie uns als Studienrätin und Lehrerin über ihre letzten 14 Jahre bei den Fachangestellten, aber auch über die Zukunft der Fachkräfte in den Bäderbetrieben.

Den Begriff „Bademeister“ umschreibt sie völlig anders.

Heute also: Der Blick hinter die Kulissen der Ausbildung bis tief ins Klassenzimmer!

BAEDER TV - Interview
Interview mit Yvonne Winter - Studienrätin aus Mannheim
Maurice BAEDER.TV
Maurice Hobert

Blogger | BAEDER.TV

xYvonne Winter - Interview Baeder.tv - Heinrich Lanz Schule Mannheim
Yvonne Winter

Studienrätin | Landesfachschule Mannheim

Praxisnah | Aus einem Klassenzimmer der Fachangestellten für Bäderbetriebe

Maurice Hobert:

Wer ist Yvonne Winter?

Yvonne Winter:
In meinem Instagram-Account steht „in der Schule oder bei den Ponys“ – was mein Leben ganz gut beschreibt. Ich liebe die Natur und bin deshalb, nach gut 30 Jahren wieder an den Platz zurückgekehrt, an dem ich meine Kindheit verbracht habe – in den Odenwald. Eine wunderschöne Gegend – und ein toller Kontrast zu meinem Arbeitsplatz in Mannheim an der Heinrich-Lanz-Schule.

Maurice Hobert:

Wie fanden Sie den Weg in die Bäderwelt?

Yvonne Winter:
Vorab – ich bin keine Vereins- oder ehemalige Leistungsschwimmerin, keine Fachangestellte oder gar geprüfte Meisterin für Bäderbetriebe.

Nachdem ich mein Abitur gemacht und eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau abgeschlossen habe, absolvierte ich das Studium zur Diplom-Handelslehrerin mit der Fächerkombination Betriebswirtschaft und Sport.

Schon als Kind habe ich mit großer Begeisterung verschiedene Sportarten ausprobiert – Turnen, Tennis, Baseball, Ski- und Snowboardfahren, Reiten später dann Marathon, Yoga und auch Schwimmen. Das Sportstudium in Heidelberg war für mich die ideale Ergänzung zum BWL-Studium in Mannheim.

Nach dem Referendariat habe ich der Lanz-Schule in Mannheim zugesagt, die eine Sport- und BWL Lehrerin suchten. Die Entscheidung viel mir damals schwer, denn als sportbegeisterte „Alles- und Nichtskönnerin“ hieß das für mich, was die Sportpraxis betrifft, (nur) noch Schwimmunterricht.

Yvonne Winter - Schwimmunterricht - FAB Bademeister
Yvonne Winter mit ihrem Kollegen bei der Schwimmausbildung im Herzogenriedbad

Maurice Hobert:

Wie ist es nach 14 Jahren bei den Fachangestellten?

Yvonne Winter:
„Nur Schwimm- und Wirtschaftskundeunterricht?“ Das muss ich zurücknehmen.

Ich kenne keine Ausbildung, die eine so breite Range an Aufgabenfeldern mit sich bringt. Das spiegelt sich in den Unterrichtsfächern wider: Badebetriebslehre, Bädertechnik, Chemie, Werkstatt, Rettungslehre, Rettungsschwimmen mit Wettkampfschwimmen sind nur einige Beispiele.

Als „klassische“ Sport- und BWL Lehrerin musste ich erstmal aufholen:

Im Schwimmbad war ich fortan nicht nur Badegast, sondern Beobachterin des Badebetriebs. Ich übte die vier Schwimmstilarten inklusive Starts und Wenden mit dem Ziel,  diese sicher zu beherrschen und demonstrieren zu können.  Die Theorie und Praxis des Rettungsschwimmen kannte ich bisher nur als Teilnehmerin bei der DLRG und nicht als Lehrerin, sie zu unterrichten war Neuland – so was lernt man nicht im Sportstudium.

Multiplikatorin im Rettungsschwimmen für angehende Lehrer:innen (DLRG-Ausbilderschein),  Aquafitnesslehrgänge, Sanitätshelferin mit Lehrbefähigung für Erste-Hilfe-Kurse … und Seminare von der DGfdB von der Dienstplangestaltung bis über die Risikobeurteilung in Bädern – Fortbildungen, die ich belegt habe, um die Fachkräfte bestmöglich auszubilden.

Maurice Hobert:

Erzählen Sie uns etwas über Ihr Hauptfach „Badebetriebslehre“

Yvonne Winter:

„Keine Literatur, alles Rechtsprechung, da müssen Sie sich halt reinarbeiten, nicht auf Diskussionen einlassen“.

So übergab man mir das Hauptfach Badebetriebslehre zusammen mit eine paar Folien für den Overheadprojektor. Zivilrecht hatte ich im Studium,  als Versicherungskauffrau weiß ich, was beispielsweise Haftung, Verkehrssicherungspflicht und Fahrlässigkeit bedeuten.

Mittlerweile liebe ich es, das Fach zu unterrichten. Es beinhaltet so viel spannende Themen. Theoretisch habe ich mir das Wissen angeeignet. Eine große Hilfe war hierbei der Ausstauch mit meiner Kollegin in Bayern, Birgit Twelker, die ebenfalls das Fach bei den FAB unterrichtet. Warum das Rad neu erfinden? Die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen e.V. (DGfdB) stellte mir Richtlinien und Arbeitsblätter kostenlos für den Unterricht zur Verfügung.

Die Projekte „Wir machen Schule“ z.B. mit Eric Voß und Thomas Schmitt sowie die Fortbildungen von Dirk Sauerborn (Strafrecht) und Lilly Ahrendt (Schwimmen lernen) oder der Bäderpodcast von den „Schwimmbad-Nerds“ David Ackermann und Alex Boos, waren bzw. sind  ein Highlight als Berufsschullehrerin. Ich bin bis heute dankbar für die Unterstützung, die ich aus der Bäderbranche erhielt und bis heute erhalte.

Selbststudium, die Kooperation mit der DGfdB und vor allem die Mitarbeit meiner Schüler:innen im Unterricht haben mich motiviert  mein erstes Arbeits- und Lösungsbuch zu schreiben. Ich wollte das, was ich mir angeeignet habe, zurückgeben – so praxisnah und lebendig wie möglich.

Abnahme der Zwischenprüfung Yvonne Winter mit Kollege Yannic Eitelwein
Abnahme der Zwischenprüfung | Yvonne Winter mit Kollege Yannic Eitelwein

Maurice Hobert:

Was ist Ihre tägliche Motivation?

Yvonne Winter:

Für mich war und ist es immer wichtig, mich in die Leistungsanforderungen meiner Schüler:innen hineinzuversetzen. Die Anforderungen der Zwischen- und Abschlussprüfungen waren Anfangs genauso Neuland für mich, wie für die Schüler:innen im ersten Lehrjahr. 

100 Punkte in der schwimmerischen Abschlussprüfung zu erzielen – bis heute für mich unerreichbar – zumindest was das Zeitschwimmen angeht. Bin ich deshalb eine schlechte Lehrerin, kein gutes Vorbild? Ich denke, nein – im Gegenteil.

Es kommt darauf an, wie die Schüler:innen die drei Jahre in ihrer Ausbildung nutzen. Die Motivation und die Bereitschaft zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, ob in der Theorie oder Praxis, möchte ich weitergeben. Für mich ist es ein größerer Erfolg eine Schüler:in begleiten zu dürfen, die nicht die optimalen Voraussetzungen hat.

Das kann an vielen individuellen Faktoren liegen, wie zum Beispiel schwimmerische Vorkenntnisse, physische Voraussetzungen, das Alter oder, was die Theorieprüfung angeht, die schulische Vorbildung.

Jahrelanges Training – die vier Stilarten in der Perfektion beherrschen. Wie ein Fisch durchs Wasser zu gleiten, schwerelos, ohne Widerstand – das sieht einfach schön aus. Azubis, die vom Vereins- oder Leistungsschwimmen kommen, motivieren mich auf eine andere Weise. Als Co-Trainer:in am Beckenrand entsteht für alle Lehrenden und Lernenden eine Win-Win Situation.

Ich darf Ihnen mitteilen, Sie haben die Prüfung bestanden!“ – diese Nachricht erhalten ca. 70-80% der Prüflinge am Ende einer langen Prüfungszeit (Mitte Mai- Mitte Juli). Da bleiben vor allem bei denjenigen die Augen nicht trocken, die es trotz Anfangsschwierigkeiten durch Fleiß und Anstrengung geschafft haben und sich von nun an stolz Fachkraft für Bäderbetrieb nennen dürfen.

Ich betrachte meine Tätigkeit als Lehrerin nicht als Einbahnstraße. Ich kann von den Schüler:innen genauso lernen, wie sie von mir. Voraussetzung ist, dass man bereit ist, an sich zu arbeiten. Wenn wir es schaffen zusammenzuarbeiten, von der Leistungsschwimmer:in bis zur Hundepaddler:in, von der Studienabrecher:in bis zur Hauptschüler:in, mit dem gemeinsamen Ziel, nicht nur die Prüfung zu bestehen, sondern die Bäderbranche zu bereichern – ist das der größte Erfolg.

Maurice Hobert:

Wie sehen Sie die Zukunft der Fachkräfte für Bäderbetriebe?

Yvonne Winter:

Das Berufsbild wird nach über 25 Jahren reformiert und das ist gut so. Für die angehenden Fachkräfte, für mich als Lehrerin und auch für die Ausbildungsbetriebe wird es viele Veränderungen geben: Die bundesweit gültige Ausbildungsordnung von 1997, der Rahmenlehrplan, der Lehrplan der Länder und vielleicht für die Prüflinge am Interessanteste, die Prüfungsordnung, werden reformiert.

Gibt es eine gestreckte Abschlussprüfung? In welchem Maße spielen Themen wie Wellness und Digitalisierung in der Bäderbranche eine Rolle? Wie wird die Rettungsfähigkeit definiert?

Aus meiner Sicht müssen die Anforderungen zur sportlichen Leistungsfähigkeit und Rettungsfähigkeit schnellstmöglich reformiert werden. Als Sportlehrerin bin ich für ein hohes Niveau an sportlicher Leistungsfähigkeit. Bade-bzw. Ertrinkungsunfälle, die zivil- oder strafrechtliche Ansprüche nach sich ziehen, basieren entweder auf einem Organisationsverschulden der Betreiber:in oder einem schuldhaften Handeln des Personals.

Es geht jedoch nie darum, dass die Aufsicht zu langsam angeschwommen ist. Somit messen wir meines Erachtens dem Zeitschwimmen in der praktischen Abschlussprüfung eine zu große Bedeutung bei, vor allem in Hinblick auf die Sperrfächer „50 Meter Abschleppen“ und „300 Meter Kleiderschwimmen.

Der Diversität unserer angehenden Fachkräfte wird hierbei zu wenig Rechnung getragen und die intrinsische Motivation bleibt oftmals auf der Strecke. Das Schlimmste, was ich von meinen angehenden und ausgebildeten Fachkräften als Sportlehrerin höre ist: „Frau Winter, früher bin ich gerne geschwommen, heute, wegen des massiven Leistungsdrucks, macht mir das Schwimmen keinen Spaß mehr.

Zuhause im Odenwald | Yvonne mit Ehemann Martin und Islandpferd Dynar

Maurice Hobert:

Wie interpretieren Sie den Begriff „Bademeister:in“

Yvonne Winter:

Das bekommt man aus meiner Sicht nicht aus den Köpfen. Was ich viel wichtiger finde ist, dass meine Schüler:innen die Bedeutung der „Daseinsvorsorge“ nicht nur für die Prüfung auswendig gelernt haben, sondern sich für das „Kulturgut Schwimmen“ in der Gesellschaft einsetzen. Das fängt beim Gespräch mit Freunden an und hört bei der Kommunikation mit der Unternehmensführung des Badebetriebs auf.

Mein Wunsch ist es, dass sich die Fachkräfte für eine moderne,  innovative und individuelle Bäderlandschaft einsetzen und den Mut haben Dinge zu verändern.

Maurice Hobert:

Wenn Sie ein Büch empfehlen könnten, daß alle zum Thema Bäder lesen sollten, welches wäre das?

Yvonne Winter:

Meine Arbeitsbuch „Fachangestellte und Meisterin für Bäderbetriebe“

Und seid kurzem NEU

Das Lösungsbuch „Fachangestellte und Meisterin für Bäderbetriebe“

Maurice Hobert:

Vielen Dank für das Interview Frau Winter und weiterhin viel Erfolg im Klassenzimmer der zukünftigen Fachangestellten für Bäderbetriebe.

Ihr Buch ist auf jeden Fall eine wertvolle Ergänzung zu den bisherigen Puplikationen. Wissen hat noch nie geschadet, schon gar nicht bei der Prüfungsvorbereitung!

Simone Schridde
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BAEDER.TV | Blogger & Autoren

Über Maurice Hobert 68 Artikel
Maurice ist Blogger bei BAEDER.TV. Er ist WordPress-Fan, PHP und SEO-Experte mit 15 Jahren Erfahrung. Bei SEO setzt er nicht auf Hörensagen, sondern führt ständig eigene Tests, Recherchen und Case Studys durch, um herauszufinden, wie Google tickt (Nerd-Alarm!). Sein Steckenpferd ist die Keyword-Recherche! Zu der er seine Projekte auch auf GitHub teilt.

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